1. Tag: Überlingen – Konstanz

Prolog

Ein Traum, den ich schon lange in mir getragen habe war, einmal auf eine Mehrtageswanderung zu gehen. Leider habe ich es mir nie wirklich zugetraut, da ich immer wieder Rücken- und Fußprobleme habe und nicht wusste, ob ich sowas überhaupt durchhalten könnte.

Dann fiel mir das Buch von Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“ in die Hände, das ich begeistert gelesen habe. Und ich dachte: Wenn der das kann, dann schaffe ich das auch!

Alleine wollte ich das dann aber doch nicht wagen und unterbreitete diesen Wunsch meinem Mann. Didi war von der Idee sofort begeistert, und so ging es an die Planung. Klar war für uns: Wir wollen von der Haustüre aus starten und erst mal testen, was wir uns so zumuten können. Erfahrung dahingegen hatten wir beide überhaupt nicht. Im Internet und über Bücher informierte ich mich was wir alles brauchen würden, und so wurde das Ganze immer konkreter. Wir wählten eine Zeit aus, in der die Kinder im Zeltlager versorgt sein würden, unseren Hund wollten wir zunächst mitnehmen.

Schon Wochen vorher besorgten wir uns Rucksäcke, Wanderschuhe, ein Zelt, Isomatten, Pilgerausweise, … Ein Zelt deswegen, weil wir befürchteten mit Hund kaum Unterkünfte finden zu können, mit Zelt wären wir da völlig unabhängig.

Vorbereitend begann ich immer längere Wanderungen mit unserem Hund Cindy, um etwas Kondition zu bekommen, die Schuhe einzulaufen und nebenbei auch ein paar Caches mitzunehmen, die so am Wegesrand lagen.

Schnell wurden in mir aber Zweifel wach: Wenn die Sonne schien, lief Cindy etwa 2 Stunden gut mit, dann merkte ich, wie sie deutlich nachließ. Wie sollten wir da auf unserem Jakobsweg vorwärts kommen? Wir überlegten, dass wir vielleicht dann in den heissen Stunden wenig bis gar nicht laufen könnten und dafür dann abends länger. Doch je öfter ich mit ihr unterwegs war, desto mehr Bedenken kamen hoch:

  • Was wenn sie sich an den Pfoten verletzen würde? (Durch langes Laufen rieb sie sich gerne mal zwischen den Zehen auf) Gut, das könnte man sicher durch Hirschtalg in den Griff bekommen. Hundeschuhe hatte ich vorsorglich auch besorgt. Aber im Fall des Falles müssten wir dann abbrechen…
  • Würde es ihr überhaupt Spaß machen? Gerade an heissen Tagen sicher nicht. Auch sehr verregnete Tage mag sie nicht sonderlich…
  • Ein großer Punkt: Würde sie so im Mittelpunkt stehen, dass sich meist alles um sie drehen würde? Mir wäre nämlich wichtig gewesen, mich mehr mit Didi auszutauschen und den Weg zu geniessen. Cindy hingegen zieht ständig die Aufmerksamkeit auf sich wenn sie dabei ist.
  • Wie wäre das mit dem Futter? Wir müssten alles vom ersten Tag an mitnehmen und könnten zwischendurch eigentlich nichts zukaufen, da sie da sehr empfindlich ist und nur bestimmtes Futter verträgt. Also viel zusätzliches Gewicht von Anfang an.

So entschlossen wir uns schweren Herzens, sie lieber bei meinen Eltern zu lassen. Sie würde mich zwar sehr vermissen, aber im Endeffekt wäre es sicher besser für sie.

An der Idee mit dem Zelt hielten wir aber fest und so rückte der Tag des Aufbruchs endlich näher…

~°~

Die Rucksäcke waren gepackt und gewogen – klar durch das Zelt, die Schlafsäcke und Isomatten etwas über dem Idealgewicht, aber wir waren optimistisch. Da der Jakobsweg am Überlinger Landungsplatz über den See führt, begann der Tag gemütlich mit einer kurzen Schifffahrt nach Wallhausen. Die Wolken über uns kündigten Regen an, vereinzelt fielen ein paar Tropfen, wir ließen uns dadurch aber nicht stören und wanderten frohen Mutes los.

Der Weg führte uns hinter Wallhausen zwischen den Feldern hindurch, über die wir einen letzten Blick gen Überlingen werfen konnten. Die Rucksäcke trugen sich gut, es ging kaum bergauf und der Wald hielt den Regen etwas von uns ab. Schon jetzt war ich sehr begeistert vom Laufen und freute mich auf die nächsten Tage.

Als wir an der Uni Konstanz vorbei kamen, regnete es dann doch so stark, dass Didi keine Lust mehr hatte und wir erst mal unter einem Überdach Rast machten und vesperten. Da wir aber nicht drauf warten konnten, bis es irgendwann mal aufhören würde zu regnen, zogen wir weiter. Mein Kraxenponcho bewährte sich dabei schon mal sehr. Didi hatte sich geweigert einen anderen Regenschutz als seine Outdoorjacke mitzunehmen, was sich jetzt aber rächte, da sie doch nicht so regendicht war und auch die Hose recht schnell nass wurde. So langsam machte sich auch das Gewicht der Rucksäcke bemerkbar, vor allem bei ihm, da er doch anteilmäßig etwas mehr trug als ich und er ausserdem an einer starken Erkältung laborierte.

Doch unser Tagesziel war schon ganz nahe und so war ich sicher, dass er sich bald würde erholen können. An der Lorettokapelle meinte er aber dann er wäre so erledigt, dass er die ganze Sache abbrechen will. Ich war total von den Socken und sah meinen Traum schon in sich zusammen stürzen. Das durfte doch nicht wahr sein! Jetzt am ersten Tag schon einen Rückzieher machen? Ich war total hin und her gerissen, weil ich einerseits mir nicht zutraute, alleine weiter zu machen, auf der anderen aber nicht klein beigeben wollte.

Lorettokapelle

Wir besprachen die Situation und beschlossen dann, es erst mal mit leichterem Gepäck zu versuchen und die ganzen Zeltsachen wieder nach Hause zu schicken. Trotzdem mussten wir es erst mal weiter schleppen, denn es war nunmal Sonntag und keine Post offen und das Konstanzer Münster noch ein Stück weit weg…

So folgten wir dem Jakobsweg weiter, merkten aber bald, dass dies der Weg von Staad aus in die Stadt war und nicht der, der uns auf unserem Weg von Wallhausen aus zum Münster hätte bringen sollen. Da wir aber wieder den Berg hinauf gemusst hätten verspürten wir nicht viel Lust dazu umzukehren. Eine ältere Dame, die oben in der Kapelle in einem Gottesdienst gewesen war, sprach uns an und erzählte, auch sie sei schon nach Santiago gepilgert und erzählte ein bisschen von sich. Sie meinte auch, wir könnten über das „Hörnle“ nach Konstanz reinlaufen, das sei ein schöner Weg. Wir nahmen den Vorschlag dankbar an und zogen weiter.

Der Weg war wirklich sehr schön, jedoch für Didi absolut kein Zuckerschlecken. Er klagte mehrmals über den schweren Rucksack, schleppte sich aber tapfer weiter. Am Münster angekommen waren wir beide doch sehr froh unser Tagesziel erreicht zu haben und Didi meinte, nach so einem Tag hätte er auch keine Lust darauf, im Zelt zu schlafen. Da musste ein Hotelbett her! Wir schauten uns die in der Nähe liegenden an und mussten dann in den sauren Apfel beissen, denn die waren natürlich allesamt recht teuer…

Vorher besichtigten wir aber noch das Münster und bekamen dort unseren ersten verdienten Stempel für den Pilgerausweis.

Im Hotel „Graf Zeppelin“ bekamen wir ein Zimmer und gleichzeitig mit uns checkte auch ein anderer Jakobspilger ein, wie wir an der Muschel an seinem Rucksack erkannten. Ich freute mich, zumindest mal einen anderen zu sehen, da bekommt man gleich ein ganz anderes Gefühl für den Weg. Man sieht: es sind Gleichgesinnte da.

Erschöpft streckten wir uns auf unseren Betten aus, aßen das restliche Vesper und entspannten unsere müden Beine. Jetzt taten sie schon ganz schön weh und ich hatte auch Druckstellen an den Hüften von meinen Ledergürtel, weil der Beckengurt vom Rucksack genau auf ihn drauf drückte.

Tageskilometer: 20 km

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